„Die Angst vor Fehlern ist der erste Fehler“
Kultur im Digitalen

„Die Angst vor Fehlern ist der erste Fehler“

Ein Schiedsrichter über Fehlerkultur, Entscheidungen unter Druck und die "Work-Schiri-Balance"

16.8.2018 Von Nick Marten
Norbert Grudzinski ist Bundesliga-Schiedsrichter. Er verrät wie er das Leben an der Seitenlinie mit seinem Berufsalltag verbindet

Ein halbes Nutella-Brötchen, ein Glas Milch und bevor es durch die Katakomben auf das Spielfeld geht, muss es mindestens noch ein Stück Kuchen geben. „Sonst rennen mir Spieler wie Marco Reus weg“, sagt Norbert Grudzinski lächelnd. Das regelmäßige Zuckerritual sieht man dem sportlichen 1,90m-Mann Norbert nicht an. Dafür ist er dann eben doch zu oft auf Augenhöhe mit Profifußballern wie Jerome Boateng oder Robert Lewandowski.

Norbert ist Schiedsrichter. 168 Mal stand er als Assistent in der Fußball-Bundesliga an der Seitenlinie, 85 Mal hat er in der 2. Liga ein Spiel geleitet. Dazu kommen einige Pokalspiele, etwa im DFB-Pokal und in der UEFA Europa League.

„Ich spielte als Jugendlicher auch Fußball und regte mich immer über die Leistung der Schiris auf. Mit 15 Jahren setzte ich mich dann einfach selbst in eine Schiri-Ausbildung. Dann hat mich das Fieber gepackt“ – diese Begeisterung und die Leidenschaft haben den heute 41-Jährigen weit gebracht. 1999 in die zweithöchste Spielklasse des deutschen Fußballs und 2004 dann schließlich sogar in die Bundesliga.

Norbert Grudzinski "Die heutige Arbeitskultur macht den Spagat zwischen Büro und Stadion viel unkomplizierter"

Norbert Grudzinski, Schiedsrichter-Assistent in der Fußball-Bundesliga



Work-Schiri-Balance: eine Frage der Arbeitskultur

Und trotzdem gibt er bei Steuererklärung und Arztbesuchen bei der Frage nach seinem Beruf „Groß- und Außenhandelskaufmann“ an. „Schiedsrichter sein ist ein sehr intensives Hobby“ sagt Norbert und spricht von regelmäßigen Leistungstests, Trainingseinheiten, Spiel- und Spieleranalysen, Taktikstudien. Vor jedem Spiel kennt er die Hitzköpfe, die Schlitzohren und die Querulanten auf dem Spielfeld. Er weiß, welche Abwehrreihen in der Bundesliga nicht funktionieren und das Abseits gerne mal aufheben. Er kennt Schwächen, Stärken und Verhaltensweisen der Spieler und trotzdem sitzt er hauptberuflich und Vollzeit in einem Großraumbüro in Hamburg. „Die heutige Arbeitskultur macht den Spagat zwischen Büro und Stadion viel unkomplizierter“ erzählt Norbert und meint dabei die Möglichkeiten – trotz der Anreisepflicht am Abend vor dem Spiel – mobil und flexibel aus dem Hotelzimmer zu arbeiten oder von der Gleitzeit profitieren zu können. „Die Technologie macht das heutzutage leichter – viel wichtiger ist aber die Kultur innerhalb eines Teams und dabei speziell ein Chef, der Vertrauen schenkt und hinter einem steht“.

Norbert Grudzinski "Im Fußball gibt's keine Fehlerkultur. Jeder Fehler kann mir mindestens ein unruhiges Wochenende bescheren“

Norbert Grudzinski, Schiedsrichter-Assistent in der Fußball-Bundesliga



Schnelle Entscheidung, aber bitte ohne Fehler

Das trifft auch auf Norberts anderen Arbeitgeber, den Deutschen Fußballbund (DFB) zu. Kurz vor Anpfiff, beim Gang durch den Spielertunnel, hinaus zu den grölenden, jubelnden, pfeifenden Fans und vor die TV-Kameras, helfe es zu wissen, dass der DFB hinter ihm steht und Rückendeckung gibt. „Mindestens sechs Millionen Zuschauer in der Sportschau, ein paar Millionen gucken die Spiele bei Sky und einige zehntausend sind im Stadion dabei“, rechnet Norbert vor. „Ich habe die Bedeutung des Spiels immer im Hinterkopf. Jeder schwerwiegender Fehler kann mir mindestens ein unruhiges Wochenende bescheren“. Die Erfahrung zeigt: irgendwer – Heim- oder Auswärtsfan – wird nach den 90 Minuten immer mit der Leistung von Norbert unzufrieden sein. Eine Fehlerkultur, wie sie gerade in großen Konzernen in der Wirtschaft ausgerufen und gefordert wird? Gibt’s im Fußball nicht. Fehler werden nicht akzeptiert. Und doch passieren sie. Logisch. Fast alle zehn Sekunden müssen Schiedsrichter und Assistenten eine Entscheidung treffen. Oft innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde. Aus dem vollen Sprint heraus. Gerade weil die Öffentlichkeit im Fußball keine Fehler verzeiht, müsse man gemeinsam – als Schiedsrichterteam – offen mit dem Fehler umgehen, gegenseitige Kritik zulassen und daraus lernen, sagt Norbert. Zusammenhalt und das gegenseitige Vertrauen innerhalb von Teams seien das wichtigste Hilfsmittel im Umgang mit Fehlern. Das gelte auch für die Bürowelt. „Die Angst vor einem Fehler wäre der erste Fehler“, sagt Norbert selbstbewusst.

„Du bist dort, weil du es kannst. Ruf deine Leistung ab“, spricht sich – der gelassen und in sich ruhend wirkende – Norbert in kritischen Momenten selbst Mut zu und hat auch für seinen Bürojob übernommen, dass Emotionen in herausfordernden Momenten draußen bleiben müssen. „Je lauter mein Gegenüber wird, desto ruhiger muss ich werden“. Ruhig und besonnen mit Menschen umgehen. Klares Feedback zu Leistungen geben. Egal ob Fußball-Weltmeister, Bundesliga-Torschützenkönig, Schiedsrichterkollege oder andere Mitarbeiter im Büro. Norbert sieht das Wandeln zwischen den zwei unterschiedlichen Arbeitswelten als großen Gewinn.

"Work-Schiri-Balance": Norbert Grudzinski hat auf dem Spielfeld viel für's Büro gelernt.

Nach einer Arbeitswoche, einem Spiel und Coachings für den Schiri-Nachwuchs heißt es für den 41-Jährigen dann auch mal abschalten. Das kann Norbert am besten auf seiner Terrasse, mit einem Kaffee, einer Zeitung ohne Sportteil und dem obligatorischen halben Nutella-Brötchen.

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