Homosexualität im Job: ein Gespräch
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Homosexualität im Job: ein Gespräch

Gesa Heinrichs ist Führungskraft. Und lesbisch.

15.8.2018 Von Eugenia Mönning Lesedauer: 4 Minuten 2 Kommentare
Dr. Gesa Heinrichs. 52. Direktorin Facility Management und Einkauf für Nichthandelswaren bei OTTO. Eingetragene Partnerschaft. Eine Tochter. Lesbisch. Hat das alles überhaupt irgendetwas miteinander zu tun? Ein Interview über Vielfalt in Großunternehmen.

Seit 18 Jahren arbeitet Gesa Heinrichs bei OTTO. Dass sie lesbisch ist, ist kein Geheimnis. Man weiß das unter Kollegen. Oder hat es mal gehört. Jetzt trat sie mit ihrer Geschichte ins unternehmensinterne Rampenlicht, im sogenannten Diversity-Factbook, in dem Kolleginnen und Kollegen über Generationenvielfalt, Behinderungen oder ihre sexuelle Identität sprechen. „Um ein Zeichen zu setzen“, wie sie sagt. Im Gespräch erzählt sie, warum sie das getan hat, und gibt ihrem und anderen Arbeitgebern auf dem Weg zu mehr Vielfalt die eine oder andere Aufgabe mit. Denn auch wenn OTTO seit August 2018 PROUTEMPLOYER ist, bedeutet das nicht, dass das Thema Diversity damit abgeschlossen wäre.

Gesa, du bist Spitzenführungskraft. Spielt es dabei überhaupt eine Rolle, dass du auch lesbisch bist? Wie hast du das eine mit dem anderen zusammengebracht?

Ich habe mich jedenfalls nicht ins Bewerbungsgespräch gesetzt und gesagt: „Hallo, ich bin lesbisch.“ Aber gut … Ich habe eine Promotion in Erziehungswissenschaften geschrieben, die sich mit Gender-Theorie befasste. Und spätestens bei meiner Publikationsliste konnte man eins und eins zusammenzählen … Viele Menschen haben es gewusst, manche geahnt. Ich habe das Thema nicht offensiv vor mir hergetragen. Ich wollte aber gleichzeitig auch nie lügen oder irgendeinen erfundenen Freund vorschieben. Den gemeinsamen Urlaub mit der Freundin zu verheimlichen, fände ich abstrus.

CSD 2018 in Hamburg: Mit Regenbogenfarben gegen Diskriminierung.

Anfangs habe ich nur mit engen Kollegen gesprochen, irgendwann spricht es sich aber rum. Dann ist es auch nicht mehr spannend, sondern normal, und das ist okay. Bei mir ist es nun auch noch so, dass ich lesbisch bin und eine Tochter habe. Das ging für viele gar nicht zusammen, die gingen fest davon aus, dass ich eine alleinerziehende Mutter sei. Mein Beitrag zu unserem Diversity Factbook war jetzt kein zweites Coming-Out für mich, ich wollte eher ein Zeichen setzen und deutlich machen, dass es mir am Herzen liegt, Vielfalt im Unternehmen sichtbar zu machen und zu unterstützen.

Wozu reden wir über Homosexualität im Job? An anderen Stellen trennt man Privat- und Berufsleben doch auch.

Ich bin davon überzeugt, dass es für einen Menschen nie gut ist, das Wichtigste in seinem Leben verleugnen zu müssen: seine Liebe, sein innerstes Gefühl. Es ist wahnsinnig anstrengend, eine Lüge oder einen nicht-ausgesprochenen Umstand mit sich herumtragen zu müssen. Es führt oft dazu, dass man komisch wirkt, weil andere merken, dass irgendetwas nicht stimmt. Auf Dauer kann man so nicht glaubwürdig sein.

Sicherlich: Man muss bei der Arbeit nicht alle privaten Details ausplaudern. Ich habe auch meine professionelle Hülle. Die private Seite hinter dem Kollegen sollte aber geklärt sein. Denn alle Themen, die mysteriös bleiben, lenken ab, führen zu Spekulation, zu Gerüchten, das ist alles anstrengend und einfach nicht gesund.

Gleichberechtigung und Vielfalt sind keine Nischenthemen mehr. Was hat sich in deinem persönlichen Arbeitsumfeld in den vergangenen Jahren getan?

Bei OTTO hat sich die gesamte Unternehmenskultur in den vergangenen 18 Jahren, in denen ich hier war, stark verändert. Wir waren zwar immer zukunftsorientiert und innovativ, aber lange Zeit doch eher ein traditionelles, konservatives Familienunternehmen, in dem Homosexualität keine Rolle spielte. Mit der Haltung „Ich spreche nicht darüber und dann ist alles OK“ konnte man hier ganz gut leben.

Das ist heute natürlich ganz anders und hängt auch mit der Verjüngung des Unternehmens zusammen. Hier arbeitet mittlerweile eine neue Generation, die auch widerspiegelt, was in der Gesellschaft passiert. Dazu kommt sicherlich auch, dass Menschen wie meine Frau Susanne, die bei uns im Recruitment arbeitet, oder ich, viel offener sprechen, wo wir uns auch lange eher bedeckt gehalten haben.

Klar, es gibt leider auch bei OTTO noch Momente, die zeigen, dass es noch nicht die größte Offenheit gegenüber Schwulen oder Lesben gibt; blöde Sprüche, Nachahmen von Kollegen – das ist ärgerlich und verletzend. Im Übrigen gilt das nicht nur für LGBTIQ-Kolleginnen und -Kollegen, sondern für alle Minderheiten. Unsere Aufmerksamkeit muss da sein, wo Minderheiten abgewertet werden, und da müssen wir im persönlich einschreiten. Das tue ich auch.

Dr. Gesa Heinrichs Früher waren gefühlt alle neuen Azubinen groß, blond & hübsch. Ich habe dann auch mal jemanden eingestellt, der nicht perfekt Deutsch spricht oder eine gebrochene Biographie hat.

Dr. Gesa Heinrichs, Direktorin Facility Management und Einkauf Nichthandelsware bei OTTO

Mal konkreter: Was tust du als Führungskraft für mehr Diversity am Arbeitsplatz?

Mir war immer wichtig, dass meine Teams divers sind. Als ich damals im Personalbereich begonnen habe, waren gefühlt alle neuen Azubinen groß, blond und hübsch. Ich habe dann entschieden, dass wir auch mal jemanden einstellen, der nicht perfekt Deutsch spricht, etwas älter ist oder eine gebrochene Biographie hat. Ich wollte möglichst vielen Menschen mit Potenzial eine Chance geben, weil ich glaube, dass man von ihnen auch etwas zurückbekommt, vor allem etwas anderes, als wenn man immer das Gleiche verstärkt. Ich finde es schön, dass ich heute mit einem meiner Bereichsleiter einen schwulen Kollegen habe, weil wir uns manchmal auf einer anderen Ebene verstehen. Ansonsten ist ein Unternehmen leistungsbezogen. Ich kann nicht jemanden bevorteilen, nur weil er eine bestimmte sexuelle Orientierung hat.

Gibt es etwas, was dich richtig nervt, wenn wir öffentlich über Gleichberechtigung und Vielfalt sprechen? Was wünschst du dir?

Mich nervt es, wenn Menschen nicht verstehen, dass es immer noch Diskriminierung gibt. Wenn sie nicht verstehen, dass es für einen Jugendlichen, der 15 Jahre alt ist, nie einfach ist, seinen Eltern mitzuteilen, dass er schwul, lesbisch oder bi ist. Häufig sagen Menschen: „Mir ist es doch egal, wer welche sexuelle Orientierung hat, dann kann es für euch ja auch nicht so schwer sein, darüber zu sprechen.“ Das ist Unsinn. Mich nervt es, wenn Menschen kein Gefühl dafür entwickeln, was es z.B. bedeutet, im Kino oder Fernsehen fast nur heterosexuelle Paare zu sehen.

Der Otto Group-Truck auf dem Christopher Street Day in Hamburg.

Das wird alles langsam besser. Als ich jung war, fand ich es toll, Krimis mit lesbischen Detektivinnen zu lesen. Weil es einfach sonst nichts gab. Es gab keine Vorbilder. Es gab nur Martina Navrátilová im Tennis und das war’s! Wenn man so guckt, wie heutzutage Straßenfeste sind, wie Menschen im Fernsehen auftreten, wie Menschen zeigen, wie sie leben, dann hat sich da viel verändert: Wir haben andere rechtliche Voraussetzungen wie die Ehe für alle, die sehr wichtig ist. Wir haben aber auch mehr gesellschaftlichen Diskurs. Und auch symbolische Akte von Unternehmen wie OTTO, die an Pride-Paraden teilnehmen, helfen.

Ich wünsche mir, dass wir auch im Unternehmenskontext mehr über Themen sprechen, die schmerzhaft sind. Bei Diversity, aber zum Beispiel auch beim ganz großen Thema Frauenförderung. Wir müssen auch mal offener sagen: Das ist uns nicht gelungen. Den Finger in die Wunde legen, kritisch bleiben, Schritt für Schritt weitermachen. Ich denke, das ist der beste Weg, um die Offenheit in unserer Gesellschaft weiter voranzubringen.

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Eugenia Mönning
Communications Consultant

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  • Renate Schad

    9.8.2018

    Der Beitrag hat mir in soweit gefallen, dass Gesa Heinrichs ihre eigenen Gefühle und Wahrnehmungen ausgesprochen hat. Ich als "normale" Frau, die drei Kinder geboren und einen Partner hat, kann nicht verstehen, weshalb gegenwärtig gerade diese Minderheiten derart in den Fokus unserer Gesellschaft geraten. Diese Gender-Diskussion mit den vielen Professoren, die hochdotierte Gehälter vom Steuerzahler erhalten und neue Schulbücher herausbringen, wo Kinder mit zig Sexpraktiken und 65 Geschlechtern überfrachtet werden, kann ich nicht gutheißen. Ich habe nichts gegen Schwule und Lesben und akzeptiere sie und ihre Neigung mit ihren Gefühlen. Aber wird inzwischen nicht gerade diesen Minderheiten mehr Beachtung geschenkt als den ganz "Normalen"? Wenn ich küssende Jungen oder Frauen in öffentlichen Fernsehfilmen sehe, komme ich mir langsam vor, als wären wir "unnormal". Soll denn dem Schwulen- oder Lesbenpaar, die auf die Zeugung von Kinder nicht ohne uns normale Frauen/Männer auskommen, alles angediehen werden, was auch dem heterosexuellen Ehepaar zusteht? Es ist doch in unserer Gesellschaft inzwischen ein heilloses Durcheinander auf allen politischen Ebenen entstanden, das m. E. von anderen Ländern bereits "belächelt" wird.

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    Ihr Beitrag
    • Eugenia Kirchmeer

      9.8.2018

      Hallo Renate, danke für deinen Kommentar. Jede Meinung hat hier ihren Platz, wenn sie wie deine angemessen formuliert ist. Es ist uns als Redaktion aber wichtig, dazu selbst Stellung zu beziehen. Du beschreibst, wie du dich als hetereosexuelle Frau in der Minderheit fühlst. Dieses Gefühl sei dir unbenommen. Faktisch bist du in unserer Gesellschaft aber in einer gigantischen Mehrheit von knapp 93 Prozent, und homosexuelle Menschen in der Minderheit. Der Schutz von Minderheiten ist eine Kernaufgabe einer liberalen Demokratie. Eine Gesellschaft, die keine Rücksicht auf Minderheiten nimmt, ist keine Gesellschaft mehr. Deswegen teilen wir deine Kritik an Gender-Studien und Gleichberechtigung von homo- und heterosexuellen Paaren nicht. Im Gegenteil: Wenn schwule und lesbische Paare die gleichen Rechte haben wie andere, wird niemandem etwas weggenommen. Es gibt keine Verlierer. Dass diese öffentliche Debatte, wie du sagst, in anderen Ländern belächelt wird, nehmen wir allenfalls in autoritären Staaten wahr, die sich von unserer freien, offenen Gesellschaft insgesamt weit entfernt haben. Solche Gesellschaftsmodelle sind für uns nicht erstrebenswert.