Pro & Kontra: Klarnamenpflicht im Netz
Kultur im Digitalen

Pro & Kontra: Klarnamenpflicht im Netz

27.9.2018 Von Nick Marten
Gegen den Hass im Netz soll’s eine Klarnamenpflicht in sozialen Medien geben, fordert Politik- und Kommunikationsberater Daniel Mack. Inklusionsaktivistin Julia Probst hält dagegen: Anonymität im Internet sei ein kostbares Gut und ein Schutz für Minderheiten. Ein Blick auf eine aktuelle Netzdebatte.

Pro Klarnamenpflicht – Daniel Mack, Politik- und Kommunikationsberater:

Daniel Mack hat die Debatte rund um das Thema Klarnamenpflicht entfacht.

Der ehemalige hessische Landtagsabgeordnete für Bündnis90/Die Grünen beklagte sich in der taz über „Hass, Hetze und Beleidigungen“ im Netz und fordert deswegen eine klare Identifizierung von Nutzern in sozialen Medien.

Daniel Mack "Politische Debatte funktioniert nur mit Gesicht. Ob im Bierzelt oder im Netz"

Daniel Mack, im Gastkommentar bei der taz

Die Anonymität im Internet könne nicht weiter Organisationen schützen, die gezielt Hass verbreiten, bekräftigt Mack und fordert, dass Klarnamen zukünftig bei den Plattformbetreibern wie Facebook, Twitter und Instagram hinterlegt sein müssen.

Die Forderungen haben im Netz eine Debatte ausgelöst. Julia Probst äußert sich im folgenden Gastbeitrag.


Kontra Klarnamenpflicht – Julia Probst, Inklusionsaktivistin:

Daniel Mack fordert eine Klarnamenpflicht, weil in seinen Augen ein offenes Visier den Hass im Netz eindämmen würde. Eine Klarnamenpflicht klingt zunächst gut und edel, denn die Klarnamenpflicht erzeugt das Bild, dass sich dann plötzlich alle zivilisiert benehmen. Das ist aber nicht der Fall, was wir durch Studien zu dem Thema wissen.

Julia Probst, Inklusionsaktivistin Es lebe die Anonymität im Netz!

Julia Probst, Inklusionsaktivistin

Stellen wir uns mal vor, die Flugblätter der "Weißen Rose" wären mit Klarnamen gekennzeichnet gewesen. Eine Sache, die nicht möglich war in diesen Zeiten, weil es eben gefährlich war. Das ERGEBNIS kennen wir: Viele Mitglieder der "Weißen Rose", deren Namen öffentlich wurden, starben durch das Fallbeil im Nazi-Regime.

Die letzten Worte von Hans Scholl waren: "Es lebe die Freiheit!". An dieser Stelle möchte ich sagen: "Es lebe die Anonymität im Netz!"

Als Frau bin ich von Hass im Netz direkt betroffen. Meist zielt der Hass zusätzlich auf meine Behinderung ab, die Gehörlosigkeit. Meldet man die Attacken den zuständigen Behörden, passiert meist gar nichts. Trotzdem bin ich gegen eine Klarnamenpflicht;

Es ist eine sehr privilegierte Sicht, wenn man eine Klarnamenpflicht fordert, denn die Möglichkeit sich niedrigschwellig und ortsunabhängig mit anderen Menschen in einer ähnlichen Lebenslage zu vernetzen, ist eine der wichtigsten Errungenschaften des Internetzeitalters. Dies ist aber ohne Anonymität oder Pseudonymität absolut undenkbar.

Das Netz ist so oft ein sicherer Platz für Personen, die offline diskriminiert und stigmatisiert werden. Hier können sich Menschen aussprechen und sich mit Menschen in der gleichen Situation vernetzen. Neulich erst hatte ich einen Chat mit einem Autisten, der die Diagnose bekommen hat, aber ganz klar sagte, dass er es nicht will, dass es öffentlich wird, denn Autisten haben zu Unrecht in der Gesellschaft einen schlechten Ruf, weil die Medien diese als gefühlskalt und potentzielle Amokläufer darstellt.

Das Netz lebt von der Vielfalt der Stimmen, die es wert sind gehört zu werden - offline ist sie leicht zu überhören oder zu verdrängen. Eine Klarnamenpflicht würde dazu führen, dass diese Stimmen jedes Schutzes beraubt würden. Viele ziehen Schweigen den greifbar negativen Folgen durch erzwungene Öffentlichkeit vor.

Wer Opfer von Hass im Netz wurde, bekommt oft genug von Seiten der Polizei und anderen Stellen zu hören, dass man am besten gar nicht online sein sollte oder wenn, dann anonym. Wir haben keinen Mangel an Gesetzen, die hilflos sind gegenüber dem Hass im Netz, sondern einen Mangel der konsequenten Anwendung und Umsetzung. Es muss aufhören, dass zuständige Stellen es als privates Problem der Betroffenen mit einem Schulterzucken abtun.

Gegen Hass im Netz braucht es Initiativen. Rechtliche und polizeiliche Möglichkeiten müssen angewendet und ausgeschöpft werden. Klarnamenpflicht trifft aber nicht die Hassenden, sondern deren potenzielle Opfer.

Hasspostings verletzen die Regeln des Zusammenlebens im Netz. Jeder, der mal einen Beitrag bei Facebook, Twitter, etc. gemeldet hat, wird sehr oft mit der sehr unbefriedigenden Antwort konfrontiert: Es läge kein Regelverstoß vor. Und das ist der Grund, warum diese Hasspostings im Netz vorhanden sind - auch unter Klarnamen. Es hindert Leute nicht daran, denn diese Leute wissen nur leider zu gut, dass nicht gegen sie vorgegangen wird.

Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte, aber auch die Plattformbetreiber selbst, müssen in der Gegenwart ankommen. Das Internet ist keine geheimnisvolle, von der restlichen Welt abgekoppelte Phantasiewelt. Was online passiert hat Auswirkungen auf das Leben offline und umgekehrt.

Man stelle sich vor, wir hätten eine Klarnamenpflicht und diese Daten würden auf einmal in die Hände der falschen Leute landen. Was hätten wir dann hier? Keinen sicheren Platz mehr für diese Gruppen. ​Einen Ausblick, wie das genau aussehen kann, bot 'Gamergate'. Frauen, die nach mehr Diversität in der Spieleindustrie verlangt hatten, mussten zeitweise ihre Zuhause verlassen, ihre Nummern ändern oder sogar umziehen. All ihre persönlichen Daten wurden 'gedoxt', dass heißt, handlich für jeden bereitgestellt, die sie bedrohen und zum Schweigen bringen wollten.

Der Maßstab, ob wir als Gesellschaft Anonymität im Internet aushalten wollen, sollten die Stimmen sein, von deren Verschwinden wir nichts mitbekommen werden.


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